Vom Kiesdach zum Klimadach: Die neuen Retentionsdächer der AK

15.04.2026

Im Zuge der Dachsanierung der Arbeiterkammer Wien wurden bestehende Kiesdächer in gefällelose (0°) Retentions-Solar-Gründächer überführt und Aufenthaltsterrassen mit integriertem Wasserspeicher und PV-Pergolen umgesetzt. Auf insgesamt rund 2.690 m² Dachfläche entstanden kombinierte, klimatische Systeme aus Retention, Begrünung und Photovoltaik mit zusätzlicher Nutzungsqualität, welche die Bandbreite multifunktionaler Dachlösungen im Bestand zeigen.

Zentrale Herausforderung war die Integration dieser Funktionen in eine Bestandskonstruktion mit begrenzten statischen Lastreserven und unvollständiger Bestandsdokumentation. Dies erforderte eine iterative Planung und enge Abstimmung zwischen Planung und Ausführung.

Technische Erfahrungen und Learnings:

  • Lastannahmen und Schichtaufbau:
    Retentionsdächer mit dauerhaftem Wasserspeicher führen zu erhöhten Eigenlasten. Substratgewichte und reale Aufbauten wichen von Angaben ab. Kontrollen, Musterflächen und laufende Anpassungen im Bauprozess erwiesen sich als notwendig.
  • Bestandserhebung und Planungsunsicherheiten:
    Abweichungen zwischen Planunterlagen und Ist-Zustand erforderten kurzfristige Anpassungen (z. B. der Tragstruktur). Eine vertiefte Bestandsanalyse und planerische Flexibilität sind wesentlich.
  • Gefällelose Retentionsdächer – Entwässerung, Betrieb und Monitoring:
    Die Kombination aus gefällelosem Dach und Retention stellt hohe Anforderungen an Entwässerung und Systemabstimmung. Die Leistungsfähigkeit (hier ca. 100 m³ Wasserrückhalt) ist stark von der präzisen Ausführung abhängig.
    Für die dauerhafte Funktionssicherheit ist ein Monitoring des Dachaufbaus wesentlich: Der Einsatz eines Leckageortungssystems ermöglicht die frühzeitige Schadensdetektion und ist als zentrale Voraussetzung für die Realisierung gefälleloser Dachaufbauten zu bewerten.
  • Integration von Photovoltaik:
    Die PV-Anlage (343 Module, 148 kWp) wurde ohne Durchdringung der Abdichtung integriert. Anpassungen durch geänderte, marktfähige Modulformate und reduzierte Abstände waren im Bauverlauf erforderlich. Die Kombination mit Dachbegrünung wirkt zudem temperaturausgleichend und kann den Energieertrag um etwa 5–7 % steigern.
  • Bauphysik und Feuchtemanagement:
    Simulationen zeigten Risiken hinsichtlich Kondensatbildung im Dachaufbau. Daraus resultierten Anpassungen im Schichtenaufbau und in der Belüftung. Frühzeitige bauphysikalische Begleitung ist entscheidend.
  • Die Herausforderung betrafen auch die Baustellenlogistik: Es bestand ein sehr hohes Verkehrsaufkommen und die Lage im Diplomatenviertel begründete erhöhte Sicherheitsauflagen.

Die Umsetzung erfolgte unter zusätzlichen Anforderungen durch Denkmalschutz, innerstädtische Lage und Bau im laufenden Betrieb.

Das Projekt wurde im Rahmen des CO₂ Countdown Award 2025 für eine CO₂-Bindung von etwa 45 t über 50 Jahre ausgezeichnet, bei Fachveranstaltungen, wie dem BauZ! Wiener Kongress für zukunftsfähiges Bauen, präsentiert und ist als ausführliche Reportage in Handwerk+Bau Grün_Raum, Ausgabe 01/2026, erschienen.